(Finanz-)Wissen zum Abheben

Egal ob für den Urlaub oder für die Veranlagung: Google liefert auf fast alle Fragen eine Antwort. Weil das viele (Online-)Wissen aber überfordert, braucht es umso mehr eine Finanzbildung, bestätigt Verhaltenspsychologin Claudia Vogrincic-Haselbacher von der Uni Graz im Interview. 

Nur wer gut informiert ist, kann eine fundierte (Kauf-)Entscheidung treffen. Ein Zuviel an Information kann allerdings auch überfordern. Wie findet man hier für sich selbst das richtige Maß als Konsument bzw. woran erkennt man, dass es „zu viel“ ist?

Claudia Vogrincic-Haselbacher: Tatsächlich steht den KonsumentInnen in Zeiten des Internets eine Unmenge an Informationen zur Verfügung. Zudem hat im Hinblick auf Finanzprodukte die Entwicklung von Online-Broking Agenturen dazu geführt, dass zunehmend komplexe Produkte auch für Laien relativ einfach verfügbar sind. Ein Zuviel an Information (Informationsüberlastung, engl. information overload) liegt dann vor, wenn die Menge der verfügbaren Information die Verarbeitungskapazität der KonsumentInnen übersteigt. Dies passiert schneller, wenn es sich um neue, komplexe, unsichere oder mehrdeutige Informationen handelt.

Die Folge daraus: Menschen fühlen sich von der Informationsmenge verwirrt (engl. consumer confusion), treffen schlechtere Entscheidungen oder sind überhaupt unfähig, eine Entscheidung zu treffen (inertia), fühlen sich in ihren Entscheidungen unsicherer und sind weniger zufrieden mit bereits getroffenen Entscheidungen. Das Vorliegen von Informationsüberlastung ist den KonsumentInnen häufig nicht bewusst. Daher ist die Frage nach dem Erkennen des „zuviel“ schwierig zu beantworten.
Generell empfiehlt es sich, die Menge an verfügbarer Information strukturiert einzuschränken. Ein wesentliches Element hierbei ist, sich die eigenen Anforderungen, Voraussetzungen und Bedürfnisse bewusst zu machen.

Finanzbildung ist erforderlich

Im Hinblick auf Finanzprodukte ist beispielsweise eines der zentralen Aspekte die Passung zwischen dem eigenen Risikoprofil und dem Risiko des Anlageproduktes. Eine darauf basierende Einschränkung der Produktauswahl kann die Informationsmenge bereits drastisch reduzieren. Darüber hinaus stehen für viele Kaufentscheidungen, unter anderem auch für Finanzprodukte, unabhängige Produktvergleichsplattformen zur Verfügung. Diese können die individuelle Informationssuche zwar nicht ersetzen, können aber in der Einschränkung der Auswahl einen wertvollen Beitrag leisten. Bei sehr komplexen Produkten und wenig eigener Erfahrung und Expertise, empfiehlt es sich, professionelle, unabhängige und objektive Finanzberatung in Anspruch zu nehmen. Dabei gilt es insbesondere gute von schlechter, d.h. voreingenommener und auf den Gewinn des Verkäufers bedachte Beratung, zu unterscheiden.

Und aus Sicht des Verkäufers, woran erkennt dieser, dass er dem potenziellen Verkäufer zuviel/zuwenig an Informationen gegeben hat (z.B. bei Finanzprodukten)?

Vogrincic-Haselbacher: Im Bereich der Finanzentscheidungen wird den HändlerInnen die Einschätzung der „optimalen“ Informationsmenge zum Teil durch den EU-Gesetzgeber abgenommen. Um im Bereich der Finanzentscheidungen (insbesondere der verpackten Anlageprodukte und Versicherungsanlageprodukte, sog. PRIIP aber auch bei Verbraucherkreditverträgen) der Informationsflut entgegenzusteuern, schreibt der EU-Gesetzgeber zur Unterstützung von KonsumentInnen vereinfachte Standardproduktinformationen (KID = key information document) vor, die auf maximal drei Seiten über die wesentlichen Eigenschaften des Produktes Auskunft geben. HändlerInnen sind verpflichtet, für jedes Produkt ein solches Dokument vorzulegen. Mit der Einführung der KIDs hat sich zwar die Informationslast drastisch reduziert, dennoch enthalten diese Dokumente anspruchsvolle Grafiken, technische Begriffe und Berechnungsbeispiele, die eine gewisse Kompetenz auf Seiten der KonsumentInnen voraussetzen. Unzureichende oder übermäßige Information ist nicht nur für die KonsumentInnen selbst problematisch, sondern auch für VerkäuferInnen von Nachteil (Stichwort: Entscheidungsträgheit, engl. inertia).

Das Übermaß an Information überfordert

„Too much information“ ist in Zeiten der Digitalisierung ja ein sehr gängiges Phänomen. Führt dies dazu, dass der Mensch mit dem steigenden Maß an Information besser damit umgehen kann (weil er es ja laufend trainiert) oder hinkt der Mensch dem technischen Fortschritt hier eher hinterher? Wenn Letzteres: wie kann man lernen, besser damit umzugehen?

Vogrincic-Haselbacher: Natürlich hat sich der Mensch in gewisser Weise den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Die Möglichkeiten, die uns die zunehmende Digitalisierung bietet, wirken sich in vielen Bereichen positiv aus. Auch die Tatsache, dass uns auf Knopfdruck sämtliche Informationen zur Verfügung stehen, hat uns in mancherlei Hinsicht unabhängiger gemacht und erleichtert vielfach Entscheidungen. Allerdings ist der Mensch nur beschränkt rational. Das menschliche Gehirn besitzt nicht die Kapazität, große Mengen an Informationen zu verarbeiten, alle verfügbaren Alternativen zu vergleichen, sie im Hinblick auf ihren erwarteten Nutzen zu reihen, um so eine möglichst nutzenmaximierende Entscheidung treffen zu können. Gerade im Bereich der Finanzentscheidungen finden sich neben Einschränkungen der kognitiven Kapazität, zahlreiche weitere psychologische Einschränkungen, wie beispielsweise Zeitdruck, ein Mangel an Aufmerksamkeit, Kompetenz oder Motivation, und systematische Verzerrungen (z.B. Überoptimisums, übermäßiges Vertrauen und Loyalität), die die Entscheidungsqualität beträchtlich mindern können.

Die Strategien mit dieser Problematik umzugehen, sind vielfältig. Zum einen ist ein gewisses Maß an (Finanzmarkt)Wissen und (rechnerischer) Kompetenz von Vorteil, wenn auch nicht zwangsläufig ausreichend. Ein anderer Ansatz besteht darin, systematischen Verzerrungen (z.B. Überoptimismus, selektive Informationsverarbeitung) gezielt entgegen zu wirken. Eine solche Technik ist beispielsweise die „Ziehe das Gegenteil in Betracht“-Methode (consider the opposite). Dabei stellt man sich vor einer Entscheidung bewusst die Frage, welche Gründe gegen die bevorzugte Alternative sprechen könnten. Dadurch werden vermehrt auch andere Alternativen in Betracht gezogen und die Gefahr einer verzerrten Entscheidung reduziert. Darüber hinaus können computergestützte Entscheidungshilfen, wie beispielsweise Filter- oder Sortiertools, Tarifrechner, Produktvergleichsrechner oder -tabellen sowie erfahrungsbasierte Simulations-Tools bei der Einschränkung der Informationsflut hilfreich sein.

Muss man Wissen eigentlich immer mit Erfahrung/Emotion verknüpfen, damit es „in Fleisch und Blut übergeht“? Warum?

Vogrincic-Haselbacher: Menschen lernen zum Teil aus Erfahrung und können dieses erfahrungsbasierte Wissen, das im Gedächtnis gespeichert ist, in ähnlichen Situationen abrufen. Dies erfordert weniger Zeit und Gedächtniskapazität und führt häufig auch zu akkurateren Ergebnissen. Auch in der Forschung zur Verbesserung von Finanzentscheidungen macht man sich diesen Prozess zu Nutze. Häufig haben KonsumentInnen Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen Risiko und erwartetem Ertrag zu verstehen. Mittels sogenannter Risiko-Tools lernen KonsumentInnen durch Erfahrung, also durch eine Simulation möglicher Erträge unter verschiedenen Risikoannahmen, sowohl das Risiko als auch mögliche Erträge besser einschätzen können. Darüber hinaus können erfahrungsbasierte Strategien systematischen Verzerrungen, wie beispielsweise der Tendenz übermäßig und unangebracht optimistisch zu sein, entgegenwirken.

Selektive Informationssuche

Entscheidungen, die mit starken Emotionen verbunden sind, sind in der Regel bedeutsamer. Wir sind stärker involviert und die Konsequenzen der Entscheidung sind unmittelbar relevant. Dies wirkt sich häufig positiv auf die einer Entscheidung vorausgehende Informationssuche aus. Wir verarbeiten systematischer und tiefgreifender, vergleichen öfter und nehmen uns insgesamt mehr Zeit für die Entscheidung. Auf der anderen Seite können emotionale Entscheidungen auch mit systematischen Verzerrungen verbunden sein. Bekannt ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der selektiven Informationssuche. Personen haben die Tendenz, jene Informationen zu bevorzugen, die für eine bereits vorhandene Präferenz oder Meinung sprechen. Widersprüchliche Informationen werden häufig ignoriert oder abgewertet. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, potenzielle Risiken einer Entscheidung zu übersehen. Als Konsequenz daraus, sinkt die Wahrscheinlichkeit eine falsche oder suboptimale Entscheidung als solche zu erkennen und zu revidieren.

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